Das Tier vor uns – und das, was wir in ihm sehen
Wir sagen ganz selbstverständlich:
Mein Hund. Meine Katze. Mein Pferd.
Und natürlich meinen wir damit meistens nichts anderes als unsere Zugehörigkeit zueinander.
Aber vielleicht steckt in diesem kleinen Wort „mein“ viel mehr, als wir denken.
Denn sobald ein Tier zu „unserem“ Tier wird, beginnt sich auch unsere Wahrnehmung zu verändern.

Wir geben ihm einen Namen. Wir geben ihm einen Platz in unserem Leben. Wir sorgen für ihn, lieben ihn, beschützen ihn.
Und irgendwann glauben wir zu wissen, wer dieses Tier ist.
Vielleicht ist genau das der Moment, in dem es interessant wird.
Denn sehen wir wirklich das Tier?
Oder sehen wir das Tier durch unsere eigene Psyche?
Wir Menschen neigen dazu, unser Gegenüber aus dem heraus zu interpretieren, was wir selbst kennen. Wir übertragen Bedürfnisse, Erwartungen, Ängste und manchmal auch ungelebte Wünsche.
Aus einem Hund wird ein Kind. Aus einem Pferd ein Partner. Aus einer Katze ein Kuscheltier. Und aus dem Verhalten des Tieres wird plötzlich eine Geschichte über uns selbst.
„Er macht das, weil er mich liebt.“
„Sie ist beleidigt.“
„Er will mich beschützen.“
„Sie macht das absichtlich.“
Vielleicht stimmt manches davon.
Vielleicht aber auch nicht.
C. G. Jung hat beschrieben, wie Projektionen entstehen können: Wir sehen etwas im Außen und erleben es als Eigenschaft des Gegenübers, obwohl ein Teil davon aus unserer eigenen inneren Welt stammt.
Was mich dabei fasziniert:
Je persönlicher unsere Beziehung zu einem Tier wird, desto stärker kann diese Projektion werden.
Bei einem Nutztier funktioniert unsere Wahrnehmung häufig ganz anders.
Dort sehen wir schneller die Funktion: Milch, Fleisch, Arbeit, Wolle, Eier.
Beim Tier, das mit uns lebt, sehen wir dagegen Persönlichkeit, Charakter, Gefühle und Individualität. Das gleiche Lebewesen. Eine völlig andere Bedeutung.
Vielleicht erzählt uns das weniger über das Tier als über uns selbst.
Denn Tiere müssen sich nicht fragen, welche Rolle sie in unserem Leben erfüllen sollen.
Sie müssen sich nicht rechtfertigen. Sie müssen kein Bild von sich aufrechterhalten.
Sie reagieren. Sie nehmen wahr. Sie leben.
Und vielleicht begegnen wir gerade deshalb in ihnen manchmal etwas, das wir bei uns selbst längst überhört haben.
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass sich hinter einer scheinbaren Frage über ein Tier eine ganz andere Frage verbirgt.
Nicht:
„Warum macht mein Hund das?“
Sondern:
„Warum berührt mich das so sehr?“
Nicht:
„Wie bekomme ich mein Pferd dazu, mir zu vertrauen?“
Sondern:
„Warum brauche ich dieses Vertrauen so dringend?“
Und vielleicht ist genau dort der spannendste Teil der Mensch-Tier-Beziehung.
Nicht dort, wo wir das Tier verändern wollen.
Sondern dort, wo wir beginnen, uns selbst in der Beziehung zu erkennen.
Vielleicht müssen wir nicht lernen, Tiere besser zu verstehen.
Vielleicht müssen wir zuerst verstehen, was unsere Beziehung zu ihnen über uns selbst erzählt.
Thomas MoserEntwicklungsbegleitung für Menschen mit Hund



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